Oblivion

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„ (…) Die Dynamiken von Fläche, Licht und Raumwirkung sowie der inhaltliche Bezug auf Zeit und Körper sind mit dem Aspekt der Bewegung verknüpft. Erst durch die Bewegung des Betrachters durch den Raum können die durch Oberflächeneffekte und abstrahierende Auflösungserscheinungen verborgenen Körper in der Tiefe des Bildmediums erschlossen werden. Diese wiederum befinden sich im Aufbruch oder Aufruhr.
Allen Arbeiten ist die Atmosphäre eines verzweifelten Aufbäumens gegen die Verletzlichkeit des Körpers und dessen Endlichkeit gemein, eines Aufschreis gegen die allgegenwärtige, unerträgliche Gewalt, die unsere politische Wirklichkeit hervorbringt und die unsere Lebenswirklichkeit umgibt, auch wenn wir sie nicht sehen wollen.
Immer wieder wird der Blick in Zonen einer gnädigen Auslöschung gezogen, in ein blendendes Licht, das die Grenzen des Abbildbaren durchbricht, oder er verliert sich auf den nahezu monochromen oder fast farblosen transluziden Arbeiten in der Tiefe des Bildmediums, dessen inszenierte Oberfläche sich als Schattenwurf innerhalb des Materials abzeichnet, und in dessen Dynamik sich die Motive beinahe vollständig der Wahrnehmung entziehen - wenn nicht der Rezipient sie mit seiner ganzen Aufmerksamkeit in das Diesseits seiner Wahrnehmung holt.“

Dr. phil. Thomas J. Piesbergen

Erdenrest

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"In unserer Angst vor dem Tod und den Versuchen, diese Angst abzuwehren sah der Psychohistoriker Luigi deMarchi den Ursprung aller Kultur. Konnte der Mensch ehemals noch auf Konzepte zurückgreifen, die dem Tod glaubhaft das Absolute nahmen, flieht der Mensch heute, entblößt allen Trostes, aus den Trümmern der Heilsversprechungen in Zerstreuung und Ignoranz. Gerade dadurch wird er aber zu nichts anderem, als zu einem lebenden Leichnam, gesteuert von uneingestandener Todesangst.
In dem Werkzusammenhang „Erdenrest“ zwingt A. Steckhan den Blick in diese dunklen, unerwünschten Zonen: In Videoinstallationen, grobkörnig wie rieselnder Sand, rast das Kameraauge über die Schädelstätten der Pariser Katakomben, ein schier unendlicher Rapport der Nichtigkeit; auf Acrylpolymerhäuten bilden die Kalotten, zerbrochenen Eierschalen gleich, ganze Landschaften, geologische Schichtungen des anonymen Todes, oder sie werden, präsentiert in Kriechkellern, verschattet und verhüllt, zu moribunden Metaphern der Verdrängung, während von unserer Welt nur das chaotische und formlose Ornament der Ruinen bleibt.
Unser Blick wird aber nicht nur auf das gelenkt, was einst von uns und unserer auseinanderbrechenden Wirklichkeit übrig bleiben wird, sondern auch auf das, was uns entrissen wird: die Haut, Trägerin unserer Identität, Schnittstelle zwischen Innen- und Außenwelt, der Schauplatz all unserer sinnlichen Begegnung mit der Welt und der Austragungsort der verbissensten Kämpfe mit unserer Eitelkeit. Mal dient der eigene Torso als Vorlage: wie abgezogene Tierhäute im Schlachthof baumeln die plötzlich körperlich gewordenen, durch Vervielfältigung universalisierten Selbst-Repräsentationen im Raum. Ein andermal sind es opake Nachtbilder mexikanischer Vorstädte, die sich wie Nachtmahre skulptural in den Raum erheben, Wiedergänger durchlebter und abgestorbener Gegenwarten, denen wir nicht entweichen können. (…)"

„Früher wußte man, daß man den Tod in sich hatte, wie eine Frucht den Kern“
R.M. Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Dr. phil. Thomas J. Piesbergen

Il Cimetero

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„An den Rändern unserer Identität beginnt das Vergessen, die Auslöschung, die Erosion. Dorthin drängen wir ungeduldete Wahrnehmungen und Erinnerungen ab: die, die wir für irrelevant erachten, ebenso wie die, die wir nicht ertragen wollen, die unseren Seelenfrieden gefährden. Doch wenn wir eine Grenze ziehen, definieren wir uns nicht nur durch das, was diesseits der Grenze liegt, sondern auch durch das, was wir über sie von uns fort stoßen, oder vor dessen Wahrnehmung wir uns von vornherein zu schützen versuchen.
In jedem Fall betrifft diese Ausgrenzung Ereignisse in unserem Wahrnehmungskontinuum, die unmittelbar mit unserer Körperlichkeit in Bezug stehen - entweder, weil durch sie unsere körperliche Unversehrtheit direkt bedroht ist, wie durch unseren Tod, oder weil wir zu starke emotionale, also körperliche Reaktionen, die ein empathisches Mitleiden in uns auslöst, von uns fernhalten wollen. All dies verdrängen wir aus unserem akuten körperlich-emotionalen Erleben und verbannen es in die Dunkelheit des Unbewußten oder hinter die Nebel der Ignoranz.
Doch wenn wir ein vollständiges Bild unserer Identität und ihrer Einbettung in die Welt erlangen wollen, ist es obligatorisch, die Ereignisse beiderseits der Grenze zu erkennen. Erst der hart erarbeitete und meist schmerzhafte Blick in die Zone des Vergessens, der Verschleierung und Auslöschung verrät, unter welchen Bedingungen unser bewußtes Selbst dieseits der Grenze überhaupt bestand haben kann.
Ein Ort, an dem eine Transzendenz dieser Grenze möglich scheint, ist Il Cimitero, die Toteninsel von Venedig. Ihre monumentale, flimmernde Dunkelheit, die uns A. Steckhan entgegenhält, entfaltet eine eben solchen Sog wie ihre Alleen, die uns ins blendende Licht führen. Die Masse der an uns vorüberziehenden, verwitterten Grabplatten lösen sich auf zu einem Erdrutsch aus Video-Pixeln, aus dem unerwartete Details hervortreten, ein Name, eine verblichene Fotografie…“

Dr. phil. Thomas J. Piesbergen

Phantomstadt

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"Das Chaos frisch niedergerissener Ruinen wie Korallenriffe am Grunde der Nacht, überwuchert von flimmernden Farbaufbrüchen. Geisterhafte Schemen. Phantomstädte. Es liegen Dinge im Unklaren, im Unscharfen, in einer aus dem Gestaltlosen tretenden und wieder darin versinkenden Urbanität; Dinge, die sich vage in dem unablässigen Strom der Zeit manifestieren und wieder darin vergehen - offen, flließend, gespenstisch. Die Selbstverständlichkeit unserer Wahrnehmung und die Vollständigkeit ihrer Repräsentation werden in Frage gestellt.

Die Dinge scheinen nur latent vorhanden zu sein, sich der Gegenwart hartnäckig zu entziehen. Denn bereits die Langzeitbelichtungen, mit denen Adriane Steckhan arbeitet, durchbrechen das Zeitfenster von drei Sekunden, das in der Bewußtseinsforschung als die empfundene Gegenwart gilt. So wird das Wahrgenommene schon im Moment der Wahrnehmung zur Erinnerung, zu einem subjektiven und unscharfen Fragment unserer Wirklichkeit. Das, was uns auf den Bilder entgegentritt, ist eher die Erosion des Gesehenen, als ein Bild desselben: ein verlöschendes Nachbild, ein Erinnerungssplitter.

Die Orte, anhand derer wir uns versuchen zu orientieren, die wir als essentiell für unsere Identität und unsere Verortung in der Zeit erleben, selbst unsere Mittel und unsere Fähigkeiten, uns einer vermeintlich objektiven Wirklichkeit zu versichern, werden entlarvt als subjektiv und bruchstückhaft, unscharf und ephemer.

Und so schweben sie vor uns im Raum: monumentale, verletzliche, schwindelerregende und dunkel brütende Membrane, die in jedem leichten Windzug wie atmend schwingen; narbige Häute, hinter deren Oberflächen eine verstörende und vielgestaltige Tiefe darauf wartet, ausgelotet zu werden."

Dr. phil. Thomas J. Piesbergen

 

„ (…) Die Arbeiten sind geprägt vom Risiko, in einem zeitlichen Vollzug zu leben, der fragmentiert, in dem es Verlust und Tod gibt, der Narben hinterläßt, die von der Kontinuität des Ichs zeugen. Es scheint nötig zu sein, sich den Raum und auch die eigenen Erinnerung, den eigenen zeitlichen Lebensraum anzueignen und neu ins Spiel zu bringen (…) “

Andreas Kohlschmidt


„Fotografien übertragen in Häute aus Acrylpolymer. In Haut eingeschlossene Pigmente. Die Haut - transparent, blasig, gallertartig, irgendwie in Bewegung und jederzeit bereit, sich zu verflüssigen. Konturen, Licht und Strukturen kollabieren, so dass für den Betrachter ganz neue Landschaften in scheinbar anderen Welten entstehen. Parallele Welten, parallele Universen (…)“

Zeitblick, Nr.32, Jesper Soerensen

Urban Skin

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"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile und Städte sind mehr als eine strukturierte Zusammenballung von Menschen und Beton. Doch was bleibt von ihnen, wenn man sie ihres Körpers beraubt? Bewegung, Erinnerungsspuren, Phantome?

So jedenfalls wirken die IntenCities-Installationen von Adriane Steckhan. Auf ihren Photographien nächtlicher Städte verschmelzen Details zu amorphen Formen, Farbflächen brechen auf zu flimmernden Strukturen. Der Blick scheint in die Tiefe hinter der Oberfläche vordringen zu können. Gleichzeitig finden auf dieser Oberfläche kraftvolle Bewegungen statt. Nicht nur die Dinge bewegen sich und hinterlassen dabei Lichtspuren und Hieroglyphen in der Nacht, auch das Kameraauge wird von der Stadt bewegt, von der Beschleunigung der U-Bahnen, dem Ruckeln der Omnibusse, dem Rollen der Hafenfähren. Auf der Schnittstelle zwischen diesen Ebenen der Bewegung geschehen die Bilder, als würde der Gestaltungswille der Künstlerin hinter etwas zurücktreten, das anmutet wie urbane Gedankenphotographie, mit der sich die Städte selbst abbilden: offen, fließend und gespenstisch."

Dr. phil. Thomas J. Piesbergen


„Der Ort ist zunächst nicht benennbar. Die nächtliche Stadt mit ihren diffusen Lichtern gibt auch in der Reihung keinerlei Anhaltspunkte. Verwischt verschwommen, verloren und vorbeigefahren - es bleibt der Apekt von Mobilität im fotografischen Motiv. Die Künstlerin allerdings präsentiert die Reihungen wie Tätowierungen auf einer hautähnlichen Oberfläche, für ewig eingraviert, statisch und dennoch lasziv. Dieser Gegensatz, der statuarischen Mobilität, bleibt als erinnerungswürdiges und allgemein gültiges Mal zurück.“

Prof. Claus Friede*Contemporary Arts


"(…) unwirkliche Effekte, Lichtspuren und intensive Farben… die ursprünglichen Fotos erreichen eine besondere malerische und auch kinematografische Ausdruckskraft (…) Aus vielen Fragmenten werden schließlich die einzelnen Arbeiten zusammengesetzt, die oft die Anmutung eines Videostills haben, bewegt, abstrakt, rätselhaft. Dieser Effekt wird besonders deutlich in der Arbeit Liverpool Station CCTV. Fast abstrakt wirkt der Blick durch ein altes Ornamenttor auf die alte und neue Architektur der Stadt und in einer Drahtkonstruktion erkennt man plötzlich die Überwachungskamera."

Sara Sello, Hamburger Abendblatt